Interview: Frank Leder

Frank Leder in seiner Werkstatt

Pascal Johanssen im Gespräch mit dem Berliner Herren­mode-Manu­fak­teur Frank Leder.

Frank, in der Mode­branche läuft vieles in der Außen­dar­stel­lung auf die Person des Mode­de­si­gners hinaus, der die Marke perso­ni­fi­ziert. Darüber kann man leicht vergessen, dass es auch bei Mode­pro­du­zenten in der Art, wie sie arbeiten, große Unter­schiede gibt.

Da gibt es Unter­schiede, klar. Viele schi­cken wohl, was ich so mitbe­komme, ihre Designs nach Asien oder Italien und dort wird das dann produ­ziert. Wir sind viel näher dran am Knochen selbst, da wir die Kontrolle nicht aus der Hand geben möchten! Wir arbeiten nur mit Firmen zusammen, die in Deutsch­land sitzen. Das kann dann schon einmal manu­fak­tu­rellen Charakter annehmen. Vorletzte Woche etwa haben wir eine Serie von Hemden aus Bett­laken gefer­tigt, also Bett­laken aus den 60er Jahren. Diese in Hemd­form verar­bei­teten Bett­laken wurden dann von uns mit Blau­beeren gefärbt, mit getrock­neten Blau­beeren oder frischen aus dem Glas. Die Hemden haben dann über Nacht einen Blauton ange­nommen, dann wurden die Hemden getrocknet und gewa­schen. Am dritten Tag wurden diese Hemden dann mit einem Anhänger, einer geschmie­deten Blau­beere aus Eisen, kombi­niert und zusammen in einer Kiste verkauft.

Frank Leder, Mood­board

Eigent­lich bist Du ein Geschich­ten­er­zähler, oder?

Na ja, ich denke nicht in Kollek­tionen, sondern in Inter­es­sens­ge­bieten. Die decken wirk­lich alle mögli­chen Ecken der Kultur ab, und da gibt es immer wieder inter­es­sante Ebenen, die so noch nicht gezeigt worden sind. Zum Beispiel habe ich gerade eine Post­karte gefunden von einem Einsied­ler­stein, der aus einer bestimmten Fels­for­ma­tionen stammt, aus einem Gebiet, das früher in Deutsch­land lag und heute Tsche­chien ist. Das regt meine Phan­tasie an. Ich kriege dann sofort eine Vorstel­lung, die mit dem Wort Einsiedler zusam­men­hängt, viel­leicht von einem Mann, der im Wald in einer Höhle lebt. Da denkst Du, da fährst Du mal hin und schaust nach dem Einsiedler. Daraus entstehen bei mir Kollek­tionen.

Frank Leder, Werk­statt

Du hast ein Faible für deut­sche Ostge­biete.

Das ist schon ein deut­scher Blick, stimmt. Deutsch­land ist das Land, in dem ich aufge­wachsen bin, das ist mein Kultur­kreis, in dem ich mich bewege. Für mich ist nur das authen­tisch. Gut, ich könnte jetzt auch den Cowboy und Indianer im Wilden Westen als Thema nehmen, aber das ist doch zu weit weg. Viel­leicht durch den Spiegel von Karl May, der nie im Amerika war und dessen Geschichten alle der Phan­tasie entsprungen sind, das wäre wieder inter­es­sant. Es muss schon ein deut­scher Blick­winkel sein.

Frank Leder, Mood­board

Arbei­test Du ein Stück Iden­tität auf?

Ich denke schon. Der Luxus der inhalt­li­chen Arbeit ist wahr­schein­lich auch nur in dieser hybriden Forma­tion zwischen Künst­lertum und Manu­faktur reali­sierbar. Denk mal an die alten Knöpfe, die wir verwenden. Wir sammeln Knöpfe aus den 20er, 30er und 40er Jahren, das sind Origi­nale, die ihre Geschichten mitbringen. Diese Knöpfe, eigent­lich Zeit­zeugen ihrer Zeit, kombi­nieren wir mit neuen Kollek­tionen. Die Beklei­dung fungiert da als Vermittler, als Geschich­ten­träger. Das könnte sich ein großer Mode­kon­zern gar nicht leisten.

Haben Deine Kollek­ti­ons­stücke eine spezi­fi­sche Aura, die aus der Verwo­ben­heit von Geschichte und Zeit­ge­nos­sen­schaft entsteht?

Wir schneiden nicht für Kostüm­bälle, sondern unsere Schnitte und die Mate­ria­lien sind Gegen­wart. Aber die Stücke werden durch Versatz­stücke aus der Vergan­gen­heit „aufge­laden“. Die Leute wissen auch, dass die Stücke komplett aus unserem Studio hier in der Kant­straße kommen, das ist unsere Ener­gie­zen­trale, hier entsteht Kunst. Das spürt man.

Frank Leder, Werk­statt

Wie hältst Du die Balance zwischen Kunst und Markt?

Tja, das ist die Gret­chen­frage. Einer­seits möchte man sich präsen­tieren, ande­rer­seits ist es natür­lich sehr myste­riös, eben keinen Insta­gram-Account zu haben. Meine Beklei­dung funk­tio­niert nur durch gezielte Plat­zie­rung, das werden immer Nischen­pro­dukte bleiben. Aber man darf sich nicht in der Nische wohlig einrichten, man muss ausstrahlen, Signale senden, die Produkte zum Leuchten bringen. Das ist meine Aufgabe in der nächsten Zeit. In den letzten 18 Jahren haben wir das Label zu einem starken Label aufge­baut, nur muss ich jetzt schauen, wie ich das in die Welt tragen kann, ohne zu sehr in diese Falle zu geraten, bei der man in jede PR-Geschichte hinein­stol­pert und die Stärke dadurch wieder verdünnt.

Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Buch:
Handmade in Germany. Manufactory 4.0.
Herausgeber: Pascal Johanssen
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: ARNOLDSCHE; Auflage: 1 (1. Juli 2019)
Sprache: Englisch, Deutsch
ISBN-10: 3897905418
ISBN-13: 978–3897905412
Webseite:
http://www.frank-leder.com