Was machen diese Sinn-Uhren anders?

Den Uhren der Manu­faktur Sinn musste ich mich über einen längeren Prozess annä­hern. Ziem­lich dezent, diese Uhren aus Frank­furt. Sehr tech­nisch. Ich musste zweimal hinschauen.

Während sich viele andere Marken, auch Uhren­marken, vor allem über neue Designs in die flüch­tige Aufmerk­sam­keit ihrer Käufer einklinken oder beson­dere Mate­ria­lien ins Spiel bringen oder noch ein letztes Mal die eigene Marken­at­mo­sphäre mit histo­ri­schen Bezügen auf das Bauhaus zu veredeln versu­chen – all diese Avancen fand ich bei Sinn irgendwie nicht. Diese Marke will sich wohl der zu schnellen Verein­nah­mung verschließen, dachte ich so, und mich dazu zwingen, zu verstehen: Wir haben es hier mit einem Beispiel parti­zi­pa­tiven Designs zu tun, bei dem sich Gebrauch und Gestal­tung über­lappen und Design­ent­schei­dungen an den Benutzer über­tragen wurden, aber, was ich anfangs noch nicht wusste, nicht an irgend­welche Benutzer, sondern ganz außer­ge­wöhn­liche.

Wer sich oft quali­tativ hoch­wer­tigen Produkten gegen­über­sieht, filtert zunächst formal-ästhe­ti­sche Quali­täten. Bei der Porzel­lan­vase fragt niemand mehr nach der Gebrauchs­taug­lich­keit der Vase – es ist eben eine Vase. Man stellt sie hin und betrachtet sie. Hier wirken ästhe­ti­schen Reize, die Ober­fläche, die Bema­lung, die Form, die Wirkung im Raum. Und ja, es brauchte Hand­ar­beit, und zwar viele Stunden Hand­ar­beit, um diese Vase so herzu­stellen.

Diese formal-ästhe­ti­schen Varia­tionen entstehen als Reak­tion auf die puris­ti­sche Funk­ti­ons­äs­thetik der indus­tri­ellen Moderne. Die Moderne brachte eine Produk­t­äs­thetik hervor, die häufig redu­ziert und funk­tio­na­lis­tisch war und haupt­säch­lich eine exzel­lente Gebrauchs­taug­lich­keit zum Ausdruck bringen wollte. So entstanden ganze Kataster von Produkten, die so schlicht aussahen, als würden sie beson­ders gut funk­tio­nieren, aber im Grunde über­haupt keinen beson­deren instru­men­tellen Nutzen aufwiesen. Das Benut­zer­inter­face dieser Produkte war einfach nur clean. Es gaukelte mit seiner Schlicht­heit eine tech­ni­sche Kompe­tenz vor, die keine war.

Bei den Uhren, die seit 1961 in einer Firma entstehen, die durch den Piloten und Blind­flug­lehrer Helmut Sinn gegründet wurde, war das anders. Das Unter­nehmen ging den Weg, den niemand anders gehen wollte oder konnte: ins tech­ni­sche Design. Insbe­son­dere Dipl.-Ing. Lothar Schmidt, der das Unter­nehmen 1994 über­nahm, wollte die besten tech­ni­schen Uhren bauen, Uhren für Situa­tionen, bei denen alle anderen Uhren versagen. Im Weltall, im U‑Boot, im Flug­zeug­cockpit. Sinns tech­ni­sche Exper­tise kam immer dann ins Spiel, wenn es um die Gestal­tung von komplexen Geräten ging, um kriti­sche Arbeits­um­ge­bungen. Wo Fehler in der Zeit­mes­sung unab­seh­bare Folgen haben können. So bewies 1985 der Physiker und Astro­naut Professor Dr. Rein­hard Furrer erst­mals  während der Spacelab-Mission D1 mit der ersten Auto­ma­tikuhr von Sinn, dem Modell 140 S, dass SINN-Auto­matik-Uhren auch in der Schwe­re­lo­sig­keit funk­tio­nieren. Das war eine Uner­hört­heit!

Sinn entwi­ckelte absolut beschlag- und verspie­ge­lungs­freie Taucher­uhren aus U‑Boot-Stahl, die dank einer spezi­ellen Hydro-Technik extreme Tauch­tiefen aushalten. Sinn entwi­ckelte Navi­ga­tions-bord­uhren, bei denen höchste Gang­ge­nau­ig­keit gefragt ist und beste Ables­bar­keit bei allen Licht­ver­hält­nissen. Sinn entwi­ckelte tech­ni­sche Inno­va­tionen wie die Ar-Trocken­hal­te­technik, die Hydro­technik oder eine spezi­elle Tempe­ra­tur­re­sis­tenz­tech­no­logie, die sich so bis heute nur in Uhren von Sinn finden lassen. Sinn stellt die Uhren für die mari­time Einheit der GSG9.

  

Mit der JAGDUHR 3006 die „Sauen­sonne“ ablesen

Ich brauchte etwas, um zu verstehen, dass die tech­nisch anmu­tende Zurück­hal­tung der Sinn-Uhren letzt­lich Ausdruck dessen war, was der Gourmet „Verfei­ne­rung der Sinne“ nennt. Nur wer das Außer­or­dent­liche gekostet hat, weiss, was er vermissen wird, wenn es fehlt. Plötz­lich wird alles andere fad und ober­fläch­lich. Wer beson­dere Anfor­de­rungen an seine Uhr hat, weiss, dass die Apple Watch Hermes mit ihrer Titan-Ober­fläche und den blickenden Apps nach drei Minuten keine Geheim­nisse mehr bereit­hält.

Für einen Jäger, der mit festem Blick über die Lich­tungen streift, hat ein robuster und präziser Zeit­messer eine andere Bedeu­tung. Die Jagduhr von Sinn, die 3006, ist die Uhr der Wahl am Hand­ge­lenk des profes­sio­nellen Jägers. So ermög­licht die bereits erwähnte Ar-Trocken­hal­te­technik der Sinn-Uhr eine erhöhte Funk­tions- und Beschlag­si­cher­heit. Das sati­nierte Gehäuse aus Edel­stahl wurde mit der TEGI­MENT-Tech­no­logie ober­flä­chen­ge­härtet und ist damit beson­ders kratz­fest. Zudem ist die Uhr druck­fest bis 20 bar und unter­druck­si­cher. Mit der Mond­licht­an­zeige der JAGDUHR 30063 kann der Jäger die sog. Sauen­sonne direkt ablesen. (Sauen­sonne ist die waid­män­ni­sche Bezeich­nung für einen kurzen Zeit­raum zur Nacht­zeit drei Tage vor bis drei Tage nach Voll­mond, in dem das Licht beson­ders günstig steht.) Auf der Uhr gibt ein gebo­gener gelber Pfeil im stili­sierten Faden­kreuz dazu die Bewe­gungs­rich­tung der Mond­scheibe an.

Das sind Fein­heiten. Man darf nicht vergessen, dass Uhren auch heute noch ab und zu Zeit­messer sein müssen. Wer zu spät zu einer Verab­re­dung kommt, hat womög­lich eine erklä­rungs­be­dürf­tige Situa­tion, das kriegt man gere­gelt. Kommt ein Notfall­me­di­ziner zu spät zu einem schwer verletzten Traum­a­pa­ti­enten, haben zwei Menschen ein wirk­li­ches Problem. Minuten und Sekunden können den Unter­schied zwischen Leben und Tod ausma­chen. Rettungs­kräfte nennen das die „Golden Hour“: eine Stunde, um Leben zu retten, 60 Minuten, 3.600 Sekunden. Die Zeit tickert beim Rettungs­ein­satz im Hinter­grund immer mit, wo ein Rettungs­hub­schrauber landet, geht es um jede Minute. Inner­halb der ersten 10 Minuten sollte der Patient geborgen werden, die Blutung wird gestoppt, die Sauer­stoff­ver­sor­gung muss da sein. Worauf will jetzt ein Notfall­me­di­ziner schauen, wenn er unter dieser Stress­be­las­tung die Zeit im Blick haben will? Er will auf ein Instru­ment schauen, mit dem die Zeit­spanne einer Stunde perfekt über­wacht werden kann. Für diese Situa­tion entwi­ckelte Sinn den EZM 12.

Kenn­zei­chen des EZM 12 (EinsatzZeitMesser) sind die zwei Drehringe mit ablau­fender und zulau­fender Minu­ten­ska­lie­rung. Der innere Drehring stellt den Ablauf der„Golden Hour“ dar, der äußere Drehring bietet eine Count­down-Option, so dass z. B. Wirkungs­zeit­räume bestimmter Medi­ka­mente oder die noch verblei­benden Minuten bis zum Anlassen der Rotoren des RTH sicher über­wacht werden können. Als Remi­nis­zenz an die Luft­ret­tung wurde der Sekun­den­zeiger als Hubschrau­ber­rotor gestaltet und mit einer Puls­skala kombi­niert. So lässt sich die Herz­fre­quenz alle 15 Sekunden bestimmen. Wenn die Rettungs­teams von den 70 Hubschrauber-Stationen in Deutsch­land mit ihren Trans­port­hub­schrau­bern abheben, um von Klinik zu Klinik zu fliegen, tragen viele Rettungs­kräfte die EZM 12. Diese Leute sind die Co-Desi­gner der Uhr, dieje­nigen, die wissen müssen, wie die Uhr auszu­sehen hat. Das ist wirk­li­ches parti­zi­pa­tives Design.

Und nun: Design­preise.

Ich war ja fast enttäuscht. Wer durch tatsäch­liche Spezia­li­sie­rung im Markt eine Akzep­tanz erreicht hat, die keiner weiteren Erklä­rung bedarf, benö­tigt meiner Meinung nach keinen Design­preis. Daher ließ mich die Brea­king News, dass Sinn unlängst gleich zwei bedeu­tende Design­preise gewonnen hat, erstmal gedan­ken­ver­loren zurück. War das gut?

Die Begrün­dung der Jury des German Design Award 2020, die die Ärzte-Uhr EZM 12 von Sinn prämierte, war eingängig und wahr­haftig: „Diese außer­ge­wöhn­liche Uhr,“ so die Jury, „präsen­tiert sich kompakt, zweck­mäßig und prak­tisch. Äußer­lich ohne scharfe Kanten, um ein Einhaken zu vermeiden, ist die Funk­tio­na­lität für Medi­ziner, für die das Produkt entwi­ckelt wurde, aufgrund der detail­lierten Einfas­sungen sofort ersicht­lich und bietet spezia­li­sierte Funk­tionen, die in Notsi­tua­tionen erfor­der­lich werden.“  Dagegen läßt sich nichts sagen, denn der German Design Award erkennt an diesem Punkt die Kraft des parti­zi­pa­tiven Designs und stellt glück­li­cher­weise nicht auf irgend­welche ästhe­ti­schen Finessen ab; den Über­gang hin zur ästhe­ti­schen Qualität, die den Nutzen nicht vergisst, liefert dafür auch der zweite German Design Award für Sinn in der Kate­gorie „Excel­lent Product Design 2020“: Die Jagduhr 3006, so die Jury, sei bei Tag eine Schmuckuhr mit stil­vollem Uhren­band, dunkel­grünem Ziffern­blatt und einem Gehäuse aus gehär­tetem Stahl, wird aber bei Nacht zu einem Werk­zeug für Jäger mit leuch­tenden Zeigern und Zeit­ab­schnitten sowie einer Mond­pha­sen­an­zeige.“

Doch doch, die Design­preise haben ihr Gutes: Sie haben eine Brei­ten­wir­kung, die nicht nur dem Medi­ziner oder Jäger bestä­tigt, dass es sich hier um sehr gute Uhren handelt; sie zeigen auch anderen, dass gutes Design innere und äußere Werte glei­cher­maßen betrifft. Design ist viel­schichtig. Design ist heute nicht mehr nur Produkt- oder Grafik­de­sign, sondern auch Wissens- und Hand­lungs­de­sign. Was Beuys für den Kunst­be­griff prokla­mierte, exis­tiert auch im Design, das aus sozialen Prozessen voran­ge­trieben wird. Mit dieser Erkenntnis ist die Mensch­heit wieder ein Stück weiter. Mit der Prämie­rung der beiden Uhren hat der German Design Award kein spek­ta­kulär anmu­tendes, neues Produkt hervor­ge­hoben, sondern eines, dass über Jahre und von vielen konti­nu­ier­lich verbes­sert wurde und bei dem die Verwender am gesamten Design­pro­zess betei­ligt waren. Das ist in diesem Fall dann so gesehen doch wieder spek­ta­kulär.

 

Pascal Johanssen