3D-Druck in der Gipsformerei

Pascal Johanssen im Gespräch mit Miguel Helfrich.

Die Gipsformerei gehört zu den wenigen (und dabei führenden) Gipsformereien der Welt. Wie kam es dazu, dass diese Berliner Institution sich so klar international positionieren konnte?

Die Gipsformerei ist über 200 Jahre alt. In dieser Zeit war es üblich, dass sich große Museen eigene Gipsformereien betrieben. Das hatte wirtschaftliche Gründe – man wollte Dinge multiplizieren – aber auch, um den Austausch der Objekte zu erleichtern. Die Wertschätzung, die Replikas entgegengebracht wurde, war unterschiedlich. Das Neue Museum etwa wurde eigens für Abgüsse gebaut, während Humboldt der Meinung war, dass Abgüsse nicht ins Museum gehörten. Aufgrund der unterschiedlichen Wertschätzung haben in anderen Städten die Museumsformereien irgendwann die Abgüsse abgeschafft. Die Abgüsse verloren an Bedeutung. Aber sie haben Bedeutung: Ein Abguss ist wie ein Zeitzeuge, den wir als Gipsformer zum Leben erwecken. Wir sind diejenigen, die dieses Handwerk bis heute in seiner ganzen Breite erhalten haben.

Aus welchen Gründen?

In Berlin hat es nach dem Krieg keine Abguss-Sammlung mehr gegeben. Sie wurde hier langsam aufgebaut, und daraus entstand eine große Wertschätzung.

 

Miguel Helfrich

Welche anderen Gipsformereien sind international relevant?

Das Pariser Louvre hat mehr Objekte als unsere Berliner Institution, das Louvre wurde ja auch früher gegründet. Die strategische Richtung ist allerdings eine andere, da geht es eher um kleine Objekte für Museumsshops, die dort produziert werden. Tja, wer kennt uns eigentlich? Wir würden uns wünschen, dass die Berliner Bevölkerung uns mehr kennen würde, aber unsere Kunden sind institutionelle Einrichtungen, Museen…

Jeff Koons auch …

Oh ja, er hatte zuvor Kontakt zu Paris und Brüssel aufgenommen. In Brüssel gibt es eine große Sammlung, aber da wurde er mit einen hohen Ansprüchen nicht fündig. Kopenhagen hat keine Mitarbeiter mehr, nur die Sammlung, London auch nicht mehr. So landete Jeff Koons schließlich bei uns.

Welche Rolle spielt euer großes Archiv? Ich habe mir sagen lassen, es sei enorm umfangreich.

Mittlerweile ist das so, dass wir die größte Archivsammlung der Welt haben, weil wir die Objekte alle aufheben. Andere haben über 500 Objekte im Programm, bei uns eher 7000 plus.

Teil des Pergamon-Frieses in der Gipsformerei

Das ist schon ein deutlicher Unterschied.

Ja, wobei die Frage ist, was sich hinter der Zahl verbirgt. Wahrscheinlich haben wir sogar mehr, weil es noch Sachen gibt, die wir nicht richtig erkundet haben, teilweise sehr kleine Formen, in Fingernagelgröße… aber dann natürlich auch wieder sehr große Objekte wie den Pergamonfries oder den Kurfürsten, bombastische Sachen. Das ist nochmal eine andere Spezialität, die wir haben, der Schwerpunkt liegt auf Großaufträgen, weil wir das besonders gut können.

Wie unterscheidet sich die Qualität eines Gipsabgusses? Liegt der Unterschied im Gips selbst, in der Produktion?

Die Gipsarten spielen eine Rolle, ja, sind aber nicht die größte Herausforderung. Die liegt darin, dass wir die richtige Balance in der Behandlung unserer Formen finden. Unsere historischen Formen sind ja einerseits Museumsgegenstände, aber gleichzeitig auch Produktionsmittel. Bei jeder Benutzung ist Verschleiß da, der möglichst gering gehalten werden muss. Das ist die Verantwortung, die wir haben, damit auch in nachfolgenden Produktion die Detailgenauigkeit erhalten bleibt.

Was macht ihr, wenn ihr an den Punkt kommt, an dem die Form erneuert oder die Produktion gestoppt werden muss?

Wir haben mehrere Möglichkeiten. Entweder wir sperren die Form und benutzen sie gar nicht mehr, oder wir suchen nach anderen Möglichkeiten, sie wieder zu reaktivieren. Das Problem ist, dass bei sehr komplizierten Formen früher Zusatzstoffe wie Bienenwachs beigemischt wurden, um sie flexibler zu machen, aber die Formen sind dann nach 150 Jahren nicht mehr so stabil.

Wer macht bei euch diese Formen?

Wir leben im Grunde von Formen, die vor 150 – 200 Jahren angekauft worden sind, oder die wir damals hier hergestellt haben. Wir machen selbst nur Kernstückformen, aber nur ein paar im Jahr, um das Handwerk nicht zu verlernen.

Zeitgenössische Formen kommen von externen Auftraggebern?

Genau. Jeff Koons hatte extra Material aus New York geschickt, Hartgips, das wir nicht in den Formen hätten verwenden können, weil sie kaputt gegangen wären. Daher haben wir neue Formen hergestellt. Jeff Koons ist im Grunde wegen der Oberflächengüte zu uns gekommen, weil sie bei uns deutlich besser ist als anderenorts. Das wussten wir bis dato auch nicht.

Mit einem Spezialscanner wird die Schadow Büste – „Neger Selim“ gescannt, um ein 3D-Modell erstellen zu können.

Gab es noch andere „Höchstleistungsprojekte“ aus der jüngsten Zeit?

Der große Kurfürst, der nach Mexiko gegangen ist. Der ist 4,20 Meter groß, als Bronze konzipiert.

Warum wollen die Mexikaner ausgerechnet den großen Kurfürsten?

Interessante Frage. Er war nie in Spanien oder Mexiko und hat keine entsprechende Verbindung dorthin. Das Museo Internacional de Barrocco in Puebla wollte, so habe ich das verstanden, einfach eine besondere Skulptur. Sie haben auch den Graf von Schweden mit wehenden Fahnen. Das ist ein modernes, visuell und digital ausgerichtetes Museum, sie wollten wahrscheinlich einige großartige Skulpturen haben. Für uns war es jedenfalls eine große Herausforderung, ihn dort unbeschädigt anzuliefern, er war zu groß, man musste ihn in drei Teile teilen, dort so aufbauen, dass keiner der Besucher während der laufenden Ausstellung sieht.

Welche neuen Technologien helfen?

Wir arbeiten wir vor 150 Jahren. Aber die Frage, wie die Gipsformerei 4.0 aussieht, kriegen wir oft gestellt. Man kann relativ einfach darauf antworten: unser Schatz sind die erhaltenen historischen Formen. Das ist eine analoge Speicherung entsprechender Vorlagen. Die Digitalisierung bringt eine zusätzliche Technik, die ihre ganz spezifischen Vorteile hat, um berührungsfrei an Vorlagen heranzugehen.

Da könntet ihr mit eurem Fokus natürlich Innovationstreiber sein. Was wäre der Nutzen für die Gipsformerei?

Es ist eine Frage der Zeit, bis diese Technik ihre volle Kraft ausspielt. Wie können wir das Handwerkliche in das Digitale übertragen? Ich bin der festen Überzeugung, dass das handwerkliche Wissen und Können, die analogen Perspektiven, ins Digitale transformierbar sind. Es kann sehr interessant sein, den Perspektivwechsel von beiden Seiten einzunehmen, der analogen Sichtweise und der digitalen, und dadurch neue Erkenntnisse zu gewinnen. Dort fände ich es spannend, mit Instituten zusammenzuarbeiten, die sich mit 3D-Druck auseinandersetzen.

Hat die Gipsformerei schon einmal mit einem Forschungsprojekt in dieser Richtung gearbeitet?

Wir haben die Techniken miteinander verbunden, bei einer Achill-Figur von Tieck. Sie hat in unserer Sammlung gefehlt, sie gab es jeweils aber noch einmal in Potsdam und Weimar. In Potsdam hat der Fuß mit der Achillesferse gefehlt und der Speer; der Weimarer war vollständig, aber die Oberflächengüte war schlechter, weil er überstrichen worden war. Also sind wir mit der TU nach Weimar gefahren, haben dort die Ferse und die anderen fehlenden Elemente eingescannt, das Teil aus Potsdam normal abgeformt und am Ende beide miteinander kombiniert. Die komplette Figur war dann auch besser als die Väter.

Laokoon, Gipsformerei Berlin

War das Zusammenfügen ein digitaler Vorgang oder ein händischer?

Beides. Die nächste Stufe ist ja noch weiter zu gehen und dieses analoge Wissen gleich in den digitalen Prozess mit zu implementieren.

Wie kann das laufen?

Zum Beispiel so, dass jemand analog etwas abformt, das Kernstück in verschiedenen kleinen Teilen herstellt und sich jede einzelne Fläche einzeln anschaut, ihre Struktur und Begebenheit analysiert. Dann schaut er, mit welcher analogen Technik man das beste Ergebnis bekommt. Beim Digitalen ist das anders: da scannt man erst und der Rechner baut ein Modell zusammen. Aus unserer Sicht müsste mann dann gleich ein digitales Modell entwickeln und jedes einzelnen Teils und fügt die einzelnen Bauteile danach zusammen.

Also den Scan anzupassen an den menschlichen Blick?

Genau.

Das ist sehr spannend, vor allem um zu schauen, was die Technik im Finish hergibt, um die menschliche Patina einzuarbeiten.

Unsere Aufgabe ist ja, den Bestand zu pflegen und neue Kulturgüter zu erhalten. Aber das heißt ja nicht, dass wir nicht auch neue Dinge dazunehmen können, und gerade 3D-Druck kann für uns hier sehr interessant sein. Man kann diese Technologie z.B. auch zum Restaurieren verwenden, etwa bei einer Form mit einem fehlerhaften Stück. Dann kann man diese Figur durch das gedruckte Teil ergänzen. Das ist dann nicht nur Reproduktion, sondern auch Restauration.

Abgesehen von den historischen Arbeiten und den Restaurationen: gibt es auch ein Geschäft mit neuen Formen? Oder ist so ein Fall wie der von Jeff Koons ein Einzelfall?

Er wollte ja Sachen haben, die in unserem Bestand sind.

Er hat die nicht modifiziert?

Nein, nur ergänzt.

Es kam also noch nie vor, dass zum Beispiel ein Architekt zur Gipsformerei gekommen ist und neue Formen für Architekturelemente in der Ästhetik eines Wandreliefs wollte?

Nein, wir machen keine neue Sachen. Wir nehmen neue Sachen auf. Wir sind eine Museumseinrichtung, das heißt, wir versuchen, die Dinge zu erhalten, die wir haben und auch möglichst originalgetreu wiederzugeben. Wir machen auch keine Verkleinerungen oder Vergrößerungen. Wir machen nur Originalgrößen, es sei denn, es sind historische Verkleinerungen, die bereits im Bestand sind.

Aus welchen Ländern kommen eigentlich die meisten Anfragen? Die Top 5?

Das unterscheidet sich von Jahr zu Jahr viel zu stark, um so eine Liste aufstellen zu können. China ja, Irak, Venezuela, Argentinien, Russland, Polen, Finnland – eigentlich aus allen Ländern. Wir sind auch immer wieder erstaunt, wie hoch unsere Bekanntheit ist.

Wagen wir einen Ausblick: Wie sieht die Gipsformerei in 10 Jahren aus?

Na ja, zunächst wünsche ich mir, dass wir weiter unsere Wurzeln pflegen, sie behalten und immer wieder reaktivieren. Mein zweites Thema ist die Überführung der Gipsformerei ins digitale Zeitalter. Wir müssen unsere Chance nutzen, wir können an diesem Punkt tatsächlich international ein Vorreiter sein.

Bei Zukunft denkt man reflexartig an die Jugend: Wie kommt die Gipsformerei zu guten Mitarbeitern, zum Nachwuchs?

Wir haben keine Fluktuation, die Leute die hier sind, gehen nicht. Der mit unserer Arbeit nächstverwandte Beruf ist der Stuckateur. Die Stuckateure lernen aber nicht mehr das, was hier beherrscht wird. Daher sind wir im Gespräch mit der Handelskammer und einzelnen Stuckateurfirmen. Wir wollen ein Netzwerk aufbauen oder anstoßen, indem diese Berufe wieder gut gelernt und trainiert werden können. Wir wollen unser Wissen ja auch nicht verbergen.

Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Buch:
Handmade in Germany. Manufactory 4.0.
Herausgeber: Pascal Johanssen
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: ARNOLDSCHE; Auflage: 1 (1. Juli 2019)
Sprache: Englisch, Deutsch
ISBN-10: 3897905418
ISBN-13: 978–3897905412
Webseite:
https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/gipsformerei/home.html